Energetische Bewertung von Gebäuden als wichtiger Schritt zu mehr Klimaschutz

Als Gastrednerin eröffnete Stadträtin Jutta Ebeling, Dezernat Bildung, Umwelt und Frauen der Stadt Frankfurt, das 1. Fachforum TIP-Dialog. In Ihrem Beitrag betont Ebeling wie wichtig es ist, dass Unternehmen, die bisher eine eher produktorientierte Sichtweise vetraten nun in den Dialog mit Umweltbehörden, Stadtverwaltungen und unabhängigen Planern treten, um die Effizienz zu steigern, Energieressourcen zu schonen und Kosten zu reduzieren.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie im Namen der Stadt Frankfurt am Main ganz herzlich bei dieser, von der Siemens AG organisierten Veranstaltung begrüßen.
Ich freue mich, dass das Thema innovatives Bauen und Planen auf eine solch gute Resonanz trifft und so viele von Ihnen hier erschienen sind. Ich möchte aber auch ganz besonders meine Freude über die Initiative der Siemens AG und der Kooperation mit der Stadt Frankfurt am Main zum Ausdruck bringen.

Verschiedene Bereiche der Siemens AG, die bisher im wesentlichen technische Komponenten für Gebäude anbieten, verlassen die produktorientierte Sichtweise und starten einen Dialog, der das Gebäude als Ganzes im Blick hat. Ziel sind effizientere, nachhaltigere und qualitativ bessere Gebäude. Dieses Ziel unterstützen wir gerne und haben deswegen auch zugesagt, als uns aus dem Siemens TIP-Projekt die Anfrage nach einer Kooperation an uns herangetragen wurde.

Von Seiten der Stadt Frankfurt am Main wissen wir, dass bei gut konzipierten Gebäuden gute Qualität, hohe Effizienz und niedrige Baukosten keine Gegensätze sind, sondern wunderbare Synergien bilden können.
Wir planen in Frankfurt derzeit den ersten Schulneubau in Passivhausbauweise . Passivhäuser zeichnen sich dadurch aus, dass der Heizenergiebedarf soweit reduziert wird, dass auf ein Heizungssystem verzichtet werden kann und die benötigte Wärme durch ein Lüftungssystem eingebracht werden kann. Mit dem eingesparten Geld für die Heizung können ein Großteil der Mehrkosten für die aufwändigere Dämmung und das Lüftungssystem bezahlt werden. Der Rest macht sich durch die extrem niedrigen späteren Betriebskosten bezahlt.

Der Bedarf an Heizenergie für dieses Gebäude ist nur noch ein viertel bis ein fünftel dessen, was nach den heute geltenden Vorschriften üblich wäre. Damit machen wir in Frankfurt am Main deutlich, dass der von Herrn Prof. Dr. Weizäcker postulierte Faktor vier bei der Steigerung der Energieeffizienz keine Theorie, sondern allseits umsetzbare Realität ist.

Drei Jahre vor der Liberalisierung des Energiemarktes erschien 1995 das Buch Faktor Vier der Autoren Ernst Ulrich von Weizsäcker , und der als Energiesparpapst bekannte Amerikaner Amory B. Lovins mit seiner Frau L. Hunter Lovins.

Die Kernaussage ist, dass das Know-how für eine neue umweltschonende Wachstumspolitik vorhanden ist. Wir können heute Solarhäuser bauen, deren Energiekosten fast bei Null liegen, oder Supersparautos, die nicht nur sparsam und sicher, sondern auch komfortabel sind. Der Umweltschutz, von der Wirtschaft immer als Kostenfaktor gefürchtet, ist längst dabei, zum Nutzenfaktor zu werden. Die Autoren machen sich für eine Effizienzrevolution stark, die dazu führen soll, dass wir die Naturgüter mindestens viermal besser nutzen als bisher. Hierbei kann der Faktor Vier; sowohl für eine Halbierung des Ressourcenverbrauches bei Verdoppelung des Wohlstandes als auch für eine Reduzierung des Ressourcenverbrauchs um 75% stehen.

Wir wollen aber natürlich in den Schulen nicht nur Energie effizient einsetzen, sondern den Schülern und Lehrern Bedingungen bieten, bei denen sich unsere pädagogischen Konzepte auf hohem Niveau umsetzen lassen.

Ein Schuh der uns in diesem Bereich in den letzten Jahren drückt ist die Luftqualität in den Schulen. Dicht besetzte Klassen benötigen dringend ausreichend Frischluftzufuhr um die Leistungsfähigkeit von Lehrern und Schülern aufrecht zu erhalten. Fensterlüftung geht in Ballungszentren oftmals einher mit erheblicher Lärmemission und beschränkt sich deshalb auf die Pausen. In vielen Fällen lässt sich die gewünschte Qualität nur durch den Einbau einer Lüftungsanlage erreichen.

Wenn wir nun unsere Anforderungen an niedrige Heizkosten und gute Luftqualität zusammen, oder integriert wie es jetzt oft so schön heißt, betrachten, dann bietet uns die Passivhaustechnologie eine hohe Qualität in beiden Bereichen, die uns in der Summe nicht nur Betriebskosten sondern letztlich auch beim Bau Investitionskosten spart. Dies hat dazu geführt, das wir die Passivhausschule in Zukunft in Frankfurt als Qualitätsstandard etablieren werden.

Die Tatsache, dass es offensichtlich im Bereich der Planung und des Baues von Gebäuden möglich ist, die Verbindung von Qualität und steigenden Kosten nicht nur zu entkoppeln sondern sogar in das Gegenteil zu verkehren ist es, macht dieses Thema für mich so faszinierend und Veranstaltungen wie diese so spannend.

Meine Damen und Herren, es klingt ja wie ein Märchen, Sie bezahlen weniger Geld und bekommen ein besseres Produkt. Gibt es den so etwas? Wenn es so ist, dann würden doch alle längst entsprechende Konzepte umsetzen. Doch ganz so einfach ist es offensichtlich nicht.

Das Planen und Bauen von Gebäuden ist ein Prozess, der stark traditionsbehaftet ist und bei dem in Teilbereichen marktwirtschaftliche Instrumente unwirksam sind. Lassen sie mich einen Punkt anführen, der aus meiner Sicht zumindest mitverantwortlich ist dafür, dass wir diese Potentiale in der Regel nicht ausschöpfen. Es ist die fehlende Transparenz. Sowohl in den Planungsprozessen als auch im späteren Betrieb der Gebäude wird nicht deutlich, wofür wie viel Energie benötigt wird. Fehlt diese Transparenz, lassen sich Alternativen auch nicht auf die energetische Auswirkung prüfen und Verbesserungspotentiale werden verpasst. Es gibt keine einheitlichen Bewertungssystematiken, mit der die energetische Qualität eines Gebäudes eindeutig definiert werden kann.

Die Verbesserung der Transparenz im Gebäudesektor ist deshalb ein Ziel, an dem wir mit dem Energiereferat seit Jahren arbeiten. Derzeit sind verschiedene Arbeitsgruppen von Investoren und Betreibern von Gebäuden unter der Moderation des Energiereferats tätig, sich damit auseinander zusetzen, die energetische Qualität ihrer Gebäude zu verbessern und eine verlässliche Bewertungssystematik zu erhalten.

Aus diesen Aktivitäten entwickelt sich ganz aktuell ein Frankfurter Benchmark-Pool Energie, der es Investoren und Betreibern ermöglicht, sich auf Basis klar strukturierter Zahlen ihre Erfahrungen bei Planung und Betrieb von Gebäuden auszutauschen.

Bitte sprechen Sie die Mitarbeiter des Energiereferates an, wenn diese Aktivitäten auf Ihr Interesse stoßen.

In diesem Zusammenhang ist es mir aber auch ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass wir bereits vorbildlich konzipierte und geplante Gebäude in Frankfurt haben.

Mitte bzw. Ende der neunziger Jahre wurden beim neuen Commerzbank Hochhaus und dem Maintower neue integrale Planungsansätze angewendet und innovative Technologien integriert.

Zu Beginn dieses Jahrzehnts haben die neue Hauptverwaltung der Helvetia Versicherung in Frankfurt und die Ostarkarde der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) die energetischen Meilensteine gesetzt, an den sich in den nächsten Jahren Frankfurter Projekte zu orientieren zu haben.
Der Primärenergieverbrauch der neuen Ostarkarde der Kreditanstalt für Wiederaufbau liegt zwischen einem Drittel und einem Fünftel dessen, was derzeit normalerweise in einem Bürogebäude verbraucht wird. Damit wird deutlich, dass auch im Bereich der Bürogebäude sich der Faktor vier von Herrn Prof. Dr. Weizäcker als Einsparpotential praktisch darstellen lässt.
Mit der Einführung der neuen Energieeinsparverordnung (EnEV) zu Beginn letzten Jahres hat die Bundesregierung einen großen Schritt in Richtung einer verbesserten energetischen Transparenz und einer verbesserten energetischen Qualität von Gebäuden getan. Allerdings ist diese Verordnung durch starke Lobbyarbeit in verschiedenen Bereichen in ihrer Funktion stark geschwächt und in Teilen unnötig verkompliziert worden.

Die Gestaltungsmöglichkeiten dieser Vorordnung sind so bei weitem noch nicht ausgeschöpft und es werden Nachbesserungen notwendig sein. Die Pflicht zu Nachbesserung hat die Bundesregierung auch durch die am 4. Januar diesen Jahres von der Europäischen Kommission in Kraft gesetzte Richtlinie für die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden erhalten. Diese Richtlinie wird zu einer deutlichen Verbesserung der energetischen Transparenz in unseren Gebäuden sorgen. Mit dieser Richtlinie wird die Bundesregierung u.a. angewiesen, die derzeitige Energieeinsparverordnung um die Erfassung des Stromverbrauch von Beleuchtung und Klimatisierung zu erweitern und einen Gebäudeenergiepass einzuführen, der bei Vermietung und Verkauf, spätestens jedoch alle 10 Jahre neu erstellt werden muss.

Als Umweltdezernentin, möchte ich zum Abschluss betonen, dass es mir nicht nur ein Anliegen ist, effizient zu bauen und Geld zu sparen, sondern dass wir alle durch effiziente Gebäudekonzepte einen wesentlichen Beitrag dazu zu leisten, unsere Umwelt nachhaltig zu bewirtschaften. Ziel ist es, dass wir uns in Frankfurt dem Effizienzfaktor vier auf breiter Basis annähern und dann für den verbleibenden Energiebedarf zunehmend auf regenerativen Energiequellen zurückgreifen.

Klimaschutz ist die zentrale Herausforderung dieses Jahrhunderts und an der energetischen Qualität unserer Gebäude werden wir messen können, wie wir unsere Klimaschutzziele erreicht haben.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Kontakt:

Stadträtin Jutta Ebeling
Stadt Frankfurt am Main
Dezernat VI – Bildung, Umwelt und Frauen
Seehofstraße 41
60594 Frankfurt am Main

Fon: +49 (0)69 / 2 12 -3 31 12
schuldezernat@stadt-frankfurt.de

Autor: Redaktion