2. Teil „Wenn Pädagogik und Architektur sich verbinden ……. IP-Building Gespräch & Dossier

Hier gehts zum 1. Teil dieses “IP-Building Gespräche & Dossiers „Wenn Pädagogik und Architektur sich verbinden gelingt Schulentwicklung“ mit Katrin Doberer, GF von LernLandSchaft

Alfred Fuhr: Ja! Da sind wir wieder bei dem Zauberwort.

Karin Doberer: Ja, und das sind so Dinge, die meiner Meinung nach viel zu sehr unterschätzt werden.

Alfred Fuhr: Ja, und darum geht es in der Veranstaltung, [ 17. IP-Building Dialog Forum ] die wir ja jetzt für den Mai planen und organisieren. Hier möchten wir ja gerade zwei oder mehrere Berufsgruppen, die sich in der Regel kaum begegnen, nämlich Bildungsforscher und Pädagogen mit z.B. den Architekten zusammenbringen. Das fand ich auch super spannend. Weil ich mich beruflich viel mit Verkehr, Verkehrsgestaltung und den Mobilitätskonzepten beschäftige, und dort stelle ich auch immer wieder fest, dass z.B. die Leute glatt weg aneinander vorbereden und aneinander vorbei planen. Da darf man sich auch wirklich nicht wundern, dass dabei so etwas Unfertiges, oder manches, wie z.B. in Berlin überhaupt nicht mehr fertig wird! Ich glaube, es ist ein Zeitzeichen, dass wir eigentlich schon merken, dass wir bei solchen Projekten von Anfang an, alle Leute zusammen bringen müssen. Ich will es mal so grob formulieren: Vielleicht wäre es ganz gut, dass Architekten mal wissen, wie die Menschen später tatsächlich mit dem umgehen, was sie so konzipieren. Wie die dann wirklich arbeiten, leben und dort was lernen.

Karin Doberer: Das ist das, was ich seit vielen Jahren mache, was mein Hauptthema ist: Ich weiß ja jetzt nicht, ob sie noch regelmäßig weiter Kontakt mit Otto Herz haben? 2017 hatten wir mit Otto Herz ein eigenes Lern-Landschafts-Forum auf der Didacta, und da hatten wir unter einem der Podiumsbeiträge die Idee, Studierende der Pädagogik mit Studierenden der Architektur und mit deren Professoren auf das Podium zu holen.

Alfred Fuhr: Aha.

Karin Doberer: Oh, war das spannend.  Eigentlich war aber logisch, wie stark schon dort bereits sichtbar war, auf welch unterschiedlichen Sprachniveaus und unter welchen unterschiedlichen Perspektiven, die über das gleiche Thema geredet haben! Also das sind Dinge, die würde ich mir viel mehr wünschen. Ich habe auch auf Einladung von einem Lehrstuhlinhaber an der TU in München, mal bei Studenten im achten und im fünften Semester über meine Philosophie vom Schulbau eine Gastvorlesung gehabt. Das war unglaublich, dass ich mit diesen jungen angehenden Architekten, diskutieren musste, wie über das Huhn und das Ei.

Alfred Fuhr: (lacht)

Karin Doberer: Erst das Gebäude und dann die Pädagogik, oder umgekehrt? Wir kamen auf keinen Nenner. Wie sollen dann diese Menschen, die sich für diesen Beruf entscheiden, später in einem konkreten Schulprojekt, eine gemeinsame Sprache finden? Das wird nicht funktionieren!

Alfred Fuhr: Wenn wir jetzt im Jahr 2018 mit den ganzen Möglichkeiten auch der Digitalisierung auf die Themen der Schule, der Schulentwicklung und dem Bauen von Schulen schauen, welches Bild ergibt sich da? Direkte Kommunikation? Auch in den Unternehmen wird daran gearbeitet, dass Informationssilos verschwinden, Hierarchien sollen abgebaut werden, mal wieder, wo sehen Sie denn aus der Beobachtung und Mitgestaltung von Räumen für das Lernen, Möglichkeiten an die wir bisher noch nicht gedacht haben, über die zu wenig geredet wird, und die wir auf der Veranstaltung im Mai miteinander besprechen und darüber streiten sollten?  Wo findet das, was Sie vorhin beschrieben haben, die organisierte Nichtbegegnung noch statt? Wen sollen wir noch in einen Raum zusammen bringen, damit wir voneinander lernen? Oder glauben Sie auch an das, was uns die Digitalisierung verspricht, dass wir vor allem durch die direkte digitale Kommunikation jetzt weiterkommen können? Das würde mich auch ganz persönlich interessieren, wie Sie das sehen?

Karin Doberer: Also da gehe ich lieber wieder ganz an den Anfang unserer Gespräches zurück. Ich glaube, wir müssen uns erst einmal wieder daran erinnern, wo die Verantwortung des Einzelnen liegt.

Alfred Fuhr: Okay.

Karin Doberer: Wir versuchen das auch, indem wir die Grundrisse erst noch einmal aufbrechen, damit eine Begegnung stattfinden kann. Wir merken aber schon wie ganz kleine Schritte bereits sehr schwer sind. Alleine schon zu sagen: Nicht ich und meine Klasse, mein Unterricht, sondern zumindest schon von Wir, unsere Jahrgangsstufe, wir und unsere Lerngemeinschaft, in einem bestimmten Areal, also der kleinen Schule in der Großen zu sprechen, wie schwierig alleine das ist. Und vor allem auch diese Lehrerzimmer, wir nennen die schon lange nicht so, sondern Team Café. Hier kann interdisziplinär Begegnung stattfinden zwischen den unterschiedlichen Professionen. Alleine wenn ich in meinen Workshops die Frage stelle, ja bitte wo ist denn der Ort einer Begegnung, wo ich eine Chance habe als Lehrerin der Betreuerin vom Nachmittag einfach mal zu sagen: „Der Paul ist seit drei Tagen total apathisch im Unterricht, bitte versuche es doch mal über deine Zugänge heute Nachmittag, vielleicht kriegst raus, was da los ist?“ Wo können denn bei allem Wissen um Daten- und Persönlichkeitsschutz wesentlichen Gespräche stattfinden? Das braucht Raum und ermöglicht, viel direkter im Tun wirken zu können. Daher nutzt uns dort weniger die Digitalisierung oder irgendwelche Fortbildungsveranstaltungen. Nein, ich glaube wir brauchen wirklich mehr Möglichkeiten im Alltag negative Erlebnisse, auch der Pädagogen, mit positiven zu überschreiben. Eben um zu erfahren, ich bin nicht alleine! Ich bin nicht der, der gleich an der Front mit 25 Kindern mit unterschiedlichen Interessen und Lernstilen, wie ein Dompteur, dressieren und steuern muss. Aber diese Erfahrung, die machen ja eigentlich auch unsere Lehrer schon im Studium kaum. Da ist immer noch diese Prägung, ich und mein Unterricht, ich und mein Fach, ich und meine Klasse. Da hilft auch nicht das Öffnen von Türen oder das Einreißen von Wänden, sondern das beginnt meiner Meinung nach wirklich in dieser Haltung: Verantwortung. Wir und unsere Schulfamilie und unsere Kinder – alle müssen nicht alles zur gleichen Zeit tun, auch nicht die Lehrer. Dieser Wandel ist ein riesen, riesen Weg. Dazu gehört auch dieser Kampf, um meinen Platz in einem ganz, ganz scheußlichen Lehrerzimmer!

Alfred Fuhr: Ja, das führt mich gerade noch zu einer Überlegung: Im Rahmen dieser Veranstaltung im Mai. Also, ich habe mal eine empirische Untersuchung gemacht zum Führungsverhalten von Schulleiterinnen und Schulleitern an Berufsschulen. Auf der Basis dieser Führungstheorie der Organisationspädagogischen Führung. Und diese Organisationspädagogische Führung scheint zum einen überhaupt nicht attraktiv zu sein, weil ich habe dazu begleitend in der Arbeit noch Schulcoaching-Damen – es waren leider nur Frauen, die ich dazu befragen konnte, die sich dazu bereit erklärt haben, die also Grundschullehrerinnen und Lehrer zu Schulleitern und auf diese Verantwortung als Führungskraft auf diese Führung vorbereiten – und da war ein sehr interessanter Satz dabei, der mir jetzt wieder einfällt bezüglich ganz schrecklicher Lehrerzimmer! Da bin ich in meinem Leitfaden damals gar nicht draufgekommen! Also, er, der Schulleiter hat mir gesagt, dass es fast gar nicht möglich sei, die Lehrer in so Gemeinschaftsprojekte direkt an der Schule zu bringen, sprich Kollegen, Kollegen, Kollegen machen was zusammen, entwickeln vielleicht ein neues Mathematikbuch, oder so irgendwas zusammen, sondern weil es offenbar in der Schule so schrecklich ist, setzen sie sich lieber jeder Einzelne zu Hause auf ihren Balkon.

Karin Doberer: Ja!

Alfred Fuhr: Oder laden sich ein paar Freunde dazu sein, und jeder wurschtelt so vor sich hin. Aber der Hauptgrund ist, dass man zwar weder einen vernünftigen Durchgriff auf die Leute als Schulleiter hat, und es fehlen die Räume. Also alles was es schon in der Wirtschaft gibt an Kreativitätsräumen, wo ich einfach, weil ich gerne in diesem Raum, weil ich gerne in der Schule bin, eben dann auch wie selbstverständlich dort mit den Leuten was arbeiten will. Und die zweite Bemerkung dazu ist: Jeder der schon einmal mit einem Reiseomnibus gefahren ist, kriegt mit, wie nach einer halben Stunde, drei-viertel Stunde bei einer Pause oder im Gespräch schon die Leute, wie selbstverständlich von unserem Bus sprechen! Das heißt, da kommt es sofort zu einer Gemeinschaftsbildung, aber all das, was Sie so beschreiben, das scheint doch darauf hinzuweisen, dass hier sozusagen ein menschliches Bedürfnis nämlich nach dem Wir und einer Gemeinschaft, was zu lernen, dass das momentan auf das massivste durch irgendwelche baulichen oder architektonischen oder Verwaltungsvorschriften oder Führungsschwächen, was auch immer, komplett unter den Tisch fällt, oder ist das so falsch gesagt?

Karin Doberer: Das war noch nie da! Und das Problem ist ja, was noch nie da war in der Schule, was man nicht kennt, fordert man auch nicht. Ich unterschreib, alles was Sie sagen. Ich bin stark geprägt von der Verhaltensbiologie, also ich weiß nicht ob Ihnen Professor Felix von Cube etwas sagt?

Alfred Fuhr: Nö, noch nicht, aber das können wir ja alles vorstellen, das ist ja das Schöne!

Karin Doberer: Der sagt: Wir sind programmiert auf Gruppenarbeit! Aber leider ist das so, dass die Lehrer, das nie erfahren haben und daher nicht können. Sie können es nicht vormachen, damit können es die Kinder nicht nachmachen. Das ist eine Wahnsinnsspirale, an die wir gerade drangehen, aber das Thema ist auch hier: Wenn jetzt Lehrer, wie so eine Art Wunschzettel, aufschreiben dürften, was darf ich mir wünschen? Da würden sie diese Qualität von Lehrerarbeitsplätzen oder auch diese interdisziplinären Treffen, Kommunikation, Kreativlabor, wie auch immer Sie das nennen, all das würde nicht auf diesem Wunschzettel stehen, weil das keiner kennt. Was ich nicht kenne, kann ich nicht fordern! Und es ist bei unseren Workshops, gerade die ersten zwei, unglaublich schwer, mit Lehrern, diese Improvisationsdenke und Bescheidenheit rauszunehmen!

Alfred Fuhr: Okay.

Karin Doberer: Gerade die guten Lehrer, die erkennen das schon. Die fordern auch mehr für ihre Schüler. Zum Beispiel einen Rückzugsraum oder Ähnliches. Denn wir weisen daraufhin: Nur wenn es euch gut geht, dann überträgt sich das auch auf die Schüler! Oftmals ist es eine ganz komische Verquickung von falsch verstandener Bescheidenheit und Unsicherheit. Wir bedienen uns auch sehr methodisch an dieser Stelle und nennen das auch „Die Reise nach Absurdistan“.

Alfred Fuhr: (lacht)

Karin Doberer: Es ist so wichtig, dass man mal Bedarfe so formuliert, dass sie ausgesprochen werden, und sie nicht schon, bevor sie überhaupt ausgesprochen werden, dann selbst schon bewertet sind mit der Aussage: Ja, wer soll denn das bezahlen? Oder was sagt denn dann der Brandschutz? Wie will denn da ein Architekt Lösungen suchen, wenn er den Bedarf nicht kennt? Ich möchte da ganz stark vermitteln. Ich glaube es gibt mindestens genauso viele Architekten, die gute Schulen bauen wollen!

Alfred Fuhr: Ja,dem haben wir ja auch in der Programmgestaltung für das Forum Rechnung getragen.

Karin Doberer: Ja. Die Bedarfe kommen aber nicht auf den Tisch!

Alfred Fuhr: Was mich auch noch fasziniert ist, dass 17-Jährige oder auch 19-Jährige in Interviews inzwischen sagen: Och, ich breche die Schule ab, weil ich habe ja das Internet!

Karin Doberer: Genau!

Alfred Fuhr: Das heißt für mich, wir haben inzwischen schon so eine Einstellung vorliegen, und das war nicht in der Unterschicht oder sonst was,  sondern da ging es darum, mache ich mein Abitur, oder mache ich es nicht fertig? Wenn das Internet schon so präsent ist in den Köpfen der Leute, und wir in der Schule noch daran arbeiten, Handys zu verbieten und sonstige Dinge zu tun, dann erinnert mich das heute so ein bisschen an die Hilflosigkeit, als in den 70 er Jahren manchmal auch die Jugendlichen schon weiter waren, als die altvorderen Lehrer. Also mich würde interessieren, wie Sie das sehen mit den Möglichkeiten sinnvolle Lern- und Lebensorte zu schaffen, wir aber doch schon einen Elefanten im Raum stehen haben, über den kaum einer richtig reden will. Da bin ich schon jetzt gespannt, wie wir das in dem Forum mit unterbringen. Denn natürlich kann Schule nur zukunftsfähig machen, wenn man auch diesen Punkt der Digitalisierung, des Anschlussfähighaltens, auch Datenschutz in WLANS und solche Sachen, die besonders gesichert werden, anspricht. Das sind alles technische Fragen, aber ich glaube, es hat auch sehr viel mit dem Wort Verantwortung und mit dem Wort Haltung zu tun.

Karin Doberer: Genau. Absolut richtig. Ich komme jetzt ganz frisch direkt von der Didacta und muss ganz ehrlich sagen, ich habe mich die letzten Tage immer wieder gefragt, wenn ich heute Schulleiterin wäre, wenn ich jetzt Bürgermeister wäre, oder Architekt, ich würde zu so einer Messe fahren und nur noch verwirrter sein. Bekomme ich hier wirklich die Erkenntnisse, die ich brauche, um möglichst wenig Fehler in meinem eigenen Projekt zu machen? Die übergeordnete Zielsetzung: Wo wollen wir hin? Das habe ich dort nicht wahrgenommen – auch die ganzen letzten Jahre nicht.

Teilweise sogar mehr Widersprüchlichkeiten, auch dieses „so tun als ob“, beispielsweise die grüne Kreidetafel durch interaktive Boards zu ersetzen oder sowas.

Alfred Fuhr: Das greift alles zu kurz, das denke ich auch. Man muss es mitdenken, aber es geht um mehr.

Karin Doberer: Ich finde diese Werkzeuge klasse, aber immer nur, und da sind wir wieder bei dem Begriff der Verantwortung, wenn sie verantwortungsbewusst und integriert in ein sinnvolles pädagogisches Gesamt-Konzept sind. Doch für welches momentan keiner, auch theoretisch nicht, die Verantwortung übernimmt.

Alfred Fuhr: Ich glaube auch, dass wir darüber diskutieren müssen, ob der Raum, wo Lernen stattfindet, noch weiterhin so isoliert betrachtet werden kann von seinem lokalen Umfeld.

Karin Doberer: Auf keinen Fall!

Alfred Fuhr: Auf gar keinen Fall. Ich finde, dass die Debatten, die wir in den Medien über den Wert der Bildung erleben, bemerkenswert sind. Dass es beispielsweise ein Skandal ist, dass die Mütter ihre Kinder mit dem Auto in die Schule fahren, das steht ja für nix anderes als für die Trennung, die wir sonst auch haben, die Trennung von Wohnen und Arbeit, die wir ja auch noch nicht überwinden können, doch das müssten wir ja tun. Und wir haben inzwischen die Trennung der Umgebung von den Schulen, wo sich, wenn man neue Schulen ausweist, sofort Bürgerinitiativen bilden, denen das nicht passt, wegen Lärmbelästigung, Drogen und allem Möglichen.

Karin Doberer: Wir haben gerade aktuell ein Projekt zurückgegeben, denn da waren in meinen Workshops mehr Anrainer des geplanten Baufeldes beteiligt als wirklich nur Mitglieder der Schulfamilie, nur um zu verhindern, dass hier für ihren tollen Blick aus ihrem „Lieblingsgärtle“ ja bloß kein dreigeschossiger Schulbau stört. Aber dieses Thema ist eines meiner ganz wichtigen Antriebe für meine Arbeit – für das, was ich tu! Wir haben bei unseren Prozessen und Workshops immer ein weites Maß an Beteiligungen, z.B. auch von Vereinen. Und ich habe ein Riesenziel. Nicht nur weil ich jetzt immer älter werde (lacht), sondern weil ich daran glaube. Wir kennen ja auch die Zahlen der von Demenz betroffenen Menschen, in Deutschland, in Europa auch für die nächsten Jahre. Daher würde ich mir so sehr wünschen, wir würden Bildungszentren hinkriegen, wo wirklich die Schule ganz eng verknüpft mit Tageszentren für Demenz ist; wo wirklich ein Schulgarten oder auch eine Lehrküche gemeinsam mit den älteren Menschen, die sich ja an altes, und lang zurückliegendes erinnern, und nicht mehr so ans Neue, genutzt wird; wo sich dann Jugendliche an dieses Bild der Demenzkranken gewöhnen. Und zugleich sensibilisiert werden: Wenn z.B. einer am Anfang seiner Demenz verwirrt irgendwo in der Stadt irrt, das dann junge Menschen erkennen, der ist jetzt nicht betrunken, der ist nicht irgendwie doof, sondern mitdenkt: ich bin jetzt in der Verantwortung ihn erstmal über diese Straße zu begleiten und zu Hilfe zu organisieren. Das sind alles so Dinge, wo Lernraum besteht. Wir haben in einem anderen Kontext auch viel mit Integrationspolitik zu tun, bspw. die Integration von Sinti und Roma in Vorarlberg gemacht, oder ähnliche gesellschaftliche Brennpunktthemen, die in Schulen aufploppen.

Alfred Fuhr: Ja!

Karin Doberer: Wie kriegen wir das bereits in diesen wichtigen ersten sechs Lebensjahren hin? Es braucht echte Zentren, und Schulen sind als Teil dieser Zentren zu verstehen, und nicht solitär irgendwo im Sinne von „Aufbewahrung“. So wie es sich momentan in Luxemburg gestaltet. Hier begleiten wir einige Projekte, wo mittlerweile ein Rechtsanspruch für jedes Kind zwischen 0 und 12 Jahren besteht, von morgens um sieben bis abends um sieben in die Betreuung zu gehen. Und dieses Recht wird auch wirklich in Anspruch genommen. Dann müssen wir komplett andere Orte für diese Kinder denken. Nicht Schule und irgendeine „Abfütterungsanstalt“ am Mittag.

Alfred Fuhr: Ja, Otto Herz hat ja schon das Wort Schule versucht aus seinem Wortschatz raus zu streichen, und ich glaube auch, dass wir vielleicht weniger über Pisa und alle möglichen Leistungs- und Effizienzdefizite medial groß berichten sollten, sondern dass wir uns vielleicht einfach wieder daran erinnern, dass es eine ganze Gemeinde braucht und nicht nur Eltern, um Kinder diese vielen Treppen ihrer Entwicklung zum Erwachsenen erfolgreich zu bringen, und sie dann in Anführungszeichen „in die höhere Bildung“ zu bringen. Es fliegt uns ja eh schon alles um die Ohren, wenn Leute, die mal studieren wollten, merken, dass das für sie keinen Sinn macht. Ich kenne das aus der Studienabbrecher-Forschung, wo eben nicht alleine nur persönliche Probleme, wie broken home oder sonst was eine Rolle gespielt haben, sondern man einfach gemerkt hat, dass das, was mir hier vermittelt werden soll, nicht zu mir passt, und dass wir für diese Leute auch noch wirklich keine Lösung haben. Und genau, wie Sie es vorhin beschrieben haben, dass man an völlig neue Zielgruppen im Umfeld von Schule denken muss. All das wird ja Teil der Veranstaltung sein. Sie haben mir und unseren Lesern, den Besuchern des Forums, einen klasse Einblick gegeben, wofür ich Ihnen schon jetzt einmal für Ihre Zeit und die Gedanken danke. Zum Abschluss möchte ich Sie daher noch einmal nach einem Wunsch fragen an uns: Wen wünschen Sie sich als Gesprächspartner? Wer sollte da noch von uns angesprochen und motiviert werden zu kommen? An wen denken Sie, den wir vielleicht noch gar nicht auf den Schirm haben?

Karin Doberer: Da gibt es ein Projekt, dass ich aus Holland kenne, was ich in Deutschland so noch nie erlebt habe: Eine Kooperation von Schule und Altenheim, und eben nicht nur alle zusammenspielen, oder was weiß ich, zusammen ein Buch lesen, sondern in Holland gibt es echte Kooperationen, wo auch bspw. pensionierte Handwerker fest in Schule an Bord sind. Ich habe da z.B. ein Projekt gesehen mit einem Bootsbauer. Dort hat man mit Jugendlichen im Lehrplan Werkunterricht in der siebten Klasse ältere Menschen im Sprengel (Stadtviertel) ausfindig gemacht, die gezwungen waren ihre Wohnungen aufzugeben, um in ein Altenheim zu ziehen. Die alten Menschen müssen ihren Besitz für den Umzug dann radikal verkleinern. Und was die Schule jetzt macht ist, dass diese alten Menschen sich ein Lieblingsstück aussuchen dürfen – ein Sofa, ein Stuhl, ein Ohrenbackensessel etc. – welches dann von den Schülern in Zusammenarbeit mit den Handwerkern professionell restauriert wird. In dieser Zeit entstehen wertvolle Gespräche und Erfahrungen zwischen den Generationen. Und die Schüler erleben plötzlich eine Sinnhaftigkeit in ihrem Tun, die unglaublich wichtig für Lernprozesse ist. Sie basteln eben nicht eine der fünfundzwanzigsten Insektenkästen irgendwo, sondern sie erleben den Wert ihrer Leistung, ihres Tuns.  Da geben sie dieses renovierte Stück zurück in dieses neue Lebensumfeld der Alten, und oft entsteht, ohne dass es dafür viel Mühe braucht, eine Bindung dieser jungen Menschen an Ersatz-Opas und -Omas.

Alfred Fuhr: Super!

Karin Doberer: Solche Projekte würde ich mir wünschen! Dafür braucht man keine neue Reformschule. Das sind alles Dinge, die ganz normal im Rahmen der Lehrpläne einer Regelschule morgen schon gelingen könnten! Ich weiß ja auch nicht, wer alles dabei sein wird, aber es ist unser Anliegen beim Forum diese klare Botschaft rüber zu bringen: Ich bin als Teilnehmer dort, ich höre mir Dinge an, und ich habe dann eine Idee, was ich morgen schon an meiner Schule anders machen kann.

Alfred Fuhr: Ja, klasse

Karin Doberer: Und nicht wie bei diesen Riesenkongressen, die ich ja auch kenne, wie den Bodenseekongress, mit 1600 Menschen.

Alfred Fuhr: Und Sie hören einem Guru zu …

Karin Doberer: … und sie wissen alle ganz genau, warum es bei Ihnen nicht geht! Das war auch der Grund, dass wir uns vor acht Jahren ein eigenes Seminarzentrum geleistet haben. Ja, wir haben hier in Röckingen mitten in der Pampa aus einem ehemaligen Bauernhof die LernLandSchaft gebaut. Hier ist ein Ort entstanden, an welchem auch ganz schwierige Situationen und politische Herausforderungen im Dialog auf Augenhöhe gelöst werden können.

Alfred Fuhr: Ja und ich denke, dass wir mit der Lokalität für das Forum, dem Schloss Tempelhof, auch eine ganz tolle Umgebung haben. Frau Doberer, ich danke Ihnen noch einmal ganz herzlich und freue mich, wenn wir uns dort vor Ort sehen.

Karin Doberer: Ja, da freue ich mich auch und ich werde vielleicht auch schon etwas früher anreisen, um schon einmal ein Gespür für den Ort zu bekommen.

“IP-Building Gespräche & Dossiers bürgen für qualifiziert aufbereitetes Hintergrundwissen, der Orientierung dienenden Texte, ausgeprägte und unkonventionelle Meinungen, seismographische Marktbeobachtungen, nicht alltägliche Einsichten und  Perspektiven. Wir bieten Dossiers – Expertenwissen zur Orientierung, klar, verständlich und schnell, aus unserem Bestand oder als Auftragsarbeit. Zum Teil exklusiv für unsere Netzwerkpartner , deren Kunden und Abonnenten.

Treffen, sprechen Sie Frau Katrin Doberer – sie ist Referentin im
17. IP-Building Forum am 12.05.2018  
das an einem Tag , am Samstag den 12.05.2018,  im Rahmen des
Symposiums Bildung & Bewusstsein vom 10.05. bis 13.05.2018 statt findet.
Präsentieren Sie Ihre Ideen, Dienstleistungen im 17. IP-Building Forum
 17. IP-Building Dialog Forum – Building für Bildung – 12.05.2018
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