Space for Creative Thinking. Prof. Dr. Ing. Christine Kohlert – Lern- und Arbeitswelten der Zukunft

Christine Kohlert Prof. Dr. Ing., beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Lern- und Arbeitswelten der Zukunft, insbesondere mit dem Zusammenspiel von Raum und Organisation. Seit 2015 berät sie als Geschäftsführerin der RBSGroup Project Management GmbH Unternehmen, Universitäten und andere Forschungseinrichtungen bei der Raumplanung.
Sie unterhält Professuren an der Mediadesign Hochschule in München und der Fachhochschule in Augsburg. Am MIT (Massachusetts Institute of Technology) betreute sie 12 Jahre lang als Research Affiliate verschiedene Forschungsprojekte. Als Architektin und Stadtplanerin war sie, unter anderem bei Büro Henn Architekten in München, für renommierte Kunden, in den USA, Großbritannien, China, Schweden und Osteuropa tätig. Prof. Dr. Kohlert lebte drei Jahre in Tansania sowie ein Jahr im Kosovo und lehrte an den dortigen Universitäten.

Ihr Buch, das Sie zusammen mit Ihrem amerikanischen Kollegen Scott Cooper geschrieben haben, heißt Space for Creative Thinking.

Warum spielt die Beschaffenheit der Umgebung für die Kreativität im heutigen Arbeitsleben eine so wichtige Rolle?

Menschen können nur kreativ sein, wenn sie sich wohlfühlen, entspannt denken können und dabei den Kopf frei haben, sich auf Dinge voll und ganz einzulassen. Der Raum spielt dabei eine sehr wichtige Rolle: nur in einer Umgebung, in der ich mich wohl fühle, gelingt mir dieses entspannte Eintauchen einerseits, aber auch das unkomplizierte Zusammenarbeiten und Austauschen andererseits. Dazu benötigt man die richtigen Flächen und das richtige, d.h. benutzbare Mobiliar. Darüberhinaus ist es wichtig, dass es unterschiedliche Räume oder Flächen für die verschiedenen Aktivitäten gibt, deren Benutzung man frei wählen kann. Dies bedeutet: Flächen für Konzentration, für Kommunikation, für Zusammenarbeit, aber auch für Erholung und Regeneration werden benötigt, um alle Bedürfnisse zu befriedigen und um auch für die unterschiedlichen Arbeitstypen die entsprechenden Räumlichkeiten und Anforderungen bereitstellen zu können. Essentiell ist dabei gegenseitiges Vertrauen, ohne dieses funktioniert eine neue Arbeitswelt nicht.

Sie beschäftigen sich seit über 30 Jahren mit Lern- und Arbeitswelten der Zukunft. – Ist das klassische Büro, in dem jeder Mitarbeiter seinen festen Arbeitsplatz hat, langfristig gesehen, ein Auslaufmodell?

Ich denke, Büros wird es auch weiterhin geben. Sicherlich werden diese anders aussehen, als sie es heute tun. Einen wesentlichen Aspekt wird sicher der „Marktplatz“ für das Miteinander und den Ideenaustausch mit Kollegen darstellen. Konzentriertes Arbeiten kann an unterschiedlichen Orten stattfinden: zu Hause, an dritten Orten aber auch an speziellen Rückzugsorten im Büro. Dies kann zum Beispiel eine Grünzone – etwa ein Wintergarten mit optimalen klimatischen Bedingungen – sein, in der Handy- und Sprechverbot herrschen. Zusätzlich werden auch Projekträume benötigt, die konfigurierbar sind und in denen man Projekte visualisieren, diskutieren und besprechen kann – auch über einen längeren Zeitraum hinweg.

Als Architektin und Stadtplanerin entwickeln Sie unter anderem Konzepte zur Stadtentwicklung. Kann man die Organisation einer Stadt auf die Organisation von Räumen übertragen?

Ich sehe da einen ganz großen Zusammenhang. Ein gutes Büro funktioniert wie eine gute Stadt. Man fühlt sich wohl in einer Stadt, in der man Rückzugsorte findet, wie beispielsweise Parks, Grünanlagen, oder andere ruhige Orte, an denen man nachdenken kann, wie etwa in Museen. In gut funktionierenden Stadtstrukturen gibt es Plätze für unterschiedliche Aktivitäten: sportliche, kulturelle oder geschäftige, sowie Orte der Zusammenkunft, des Miteinanders und des Austausches. Alles ist verbunden und funktioniert durch ein Wegenetz unterschiedlicher Wichtigkeit. Dies lässt sich genauso übertragen auf die neue Arbeitswelt. Diese funktioniert und man fühlt sich wohl in ihr, wenn es so etwas wie einen Marktplatz, beispielsweise eine Teeküche, gibt, in der man sich aufhalten, austauschen, aber auch Gäste empfangen oder ganz in Ruhe arbeiten kann. Daneben stehen unterschiedliche Flächen zur Verfügung für konzentrierte Einzel-, Gruppen- und Projektarbeit sowie Räume für Rückzug, Erholung und zum Nachdenken. Dies alles wird verbunden durch ein Wegenetz unterschiedlicher Wertigkeit – eben wie in einer Stadt.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt auf der Einbeziehung der Nutzer in den Entstehungsprozess neuer Arbeitsräume. Wie sieht das genau aus?

Visualisierung und Erarbeitung von Ergebnissen im Team sind hier die Schlagworte. Ich arbeite viel mit der Programming-Methode. Das ist eine Kartentechnik, bei der sämtliche Diskussionen sofort visualisiert, in Bild und Schrift an die Wand kommen, so dass jeder sie sehen und kommentieren kann. Des Weiteren arbeite ich mit Wort- und Bildkarten um Haltung und Leitlinien für ein Projekt zu ermitteln. Während des gesamten Projektes werden sämtliche Szenarien und Ergebnisse visualisiert und auch für Nicht-Architekten verständlich dargestellt. Gerade bei Projekten zu neuen Arbeitswelten ist es sehr wichtig, die späteren Nutzer von Anfang an einzubeziehen, ihnen eventuelle Ängste und Bedenken zu nehmen und ihnen die neuen Arbeitsweisen und die Nutzung der unterschiedlichen Flächen zu erläutern. Wichtig ist dann eine gute Betreuung am ersten Tag des Einzugs in die neuen Flächen sowie die weitere Begleitung. Gerade in dieser Phase sollte auf auftretende Unstimmigkeiten rechtzeitig reagiert werden, um entsprechend nachjustieren zu können.

Moderne Lern- und Arbeitswelten space for creative thinking Google Stockholm Sweden

Der Großteil der Projekte, die im Buch vorgestellt werden, sind Firmen, Schulen und Universitäten aus dem Ausland. Hinken wir hier in Deutschland hinterher?

Projekte in einem Buch ergeben sich meist auch durch die eigene Arbeit sowie durch positive Situationen, die man selbst erlebt hat. Persönlich finde ich Skandinavien und die Niederlande als sehr inspirierend. Ich habe dort selbst diverse Exkursionen für Hochschulen durchgeführt, so dass ich mich dort ganz gut auskenne. Projekte aus den USA nehmen ebenfalls einen breiteren Raum ein, da sich mein geschätzter Kollege und Co-Autor Scott Cooper natürlich viel mit der amerikanischen Arbeitskultur beschäftigt. Aber ich denke tatsächlich, dass Deutschland da etwas vorsichtig ist und auch (noch) eine andere Kultur hat. Aber natürlich gibt es auch bei uns bereits hervorragende Beispiele neuer Arbeitswelten, wenn auch häufiger bei den großen internationalen Firmen als bei mittelständischen Unternehmen. Dazu muss man sagen, dass eine gut funktionierende neue Arbeitswelt mit einer entsprechenden Vielfalt an Wahlmöglichkeiten auch ausreichend Fläche benötigt. Wer nur an Flächeneinsparung denkt, sollte lieber die Hände von solchen Projekten lassen. Außerdem ist es unerlässlich, dass die Räume zur Unternehmensorganisation passen. Wer hierarchisch führt, benötigt keine offene Arbeitswelt. Flache Hierarchien hingegen brauchen neben Rückzugsflächen auch offene, kommunikative Zonen und entsprechende Projekträume.

In unserem Verlagshaus wird gerade einer der Büroräume zu einem „Kreativraum“ umgestaltet, in dem sich Mitarbeiter zur kreativen Teamarbeit treffen, aber auch Kunden-Meetings stattfinden sollen. Haben Sie einen Tipp, worauf das Planungsteam bei der Konzeption vor allem achten sollte?

Das wichtigste ist, den Raum nicht „zu fertig“ zu planen.

Für die kreative Teamarbeit benötigt es genug Wandfläche zur Visualisierung – etwa beschreibbare/magnetische Wände. Auch rekonfigurierbares Mobiliar ist sinnvoll: Stühle und Polster, die sich unterschiedlich nutzen lassen sowie Tische, an denen man auch in Stehhöhe arbeiten kann und die sich leicht verschieben lassen, um freie Fläche für offene Diskussionen oder andere Aktivitäten zu schaffen. Bezüglich der Zone, die auch mit Kunden genutzt wird, würde ich eine kleine Café-Zone vorsehen – eventuell abtrennbar durch einen Vorhang oder ähnliches, so dass dieser Bereich auch für Besprechungen oder als Rückzugsort genutzt werden kann.

Quelle PM https://www.callwey.de/christine-kohlert/